Backbuch von Helen Goh: Backen & der Sinn des Lebens

Fünf Sterne: Valentinas Liebling – zum Schwärmen gut.

Backen macht glücklich. Backen macht glücklich. Backen macht zufrieden. Helen Goh geht noch einen Schritt weiter und spannt mit ihrem Kochbuch das ganz große Bild auf: „Backen & der Sinn des Lebens – 100 Rezepte, die Freude bereiten“. Große Worte für ein Backbuch – oder genau die richtige?

Helen Goh (© John Davies)

Sofa & Co-Autorin

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als Helen Goh die internationale Kochbuchszene in Berlin betrat. Ottolenghi präsentierte sein erstes Backbuch in der Hauptstadt. In einer Wohnung in Berlin-Mitte saß er auf dem Sofa, gegenüber einer Handvoll PressevertreterInnen und Bloggerinnen. Neben ihm – eine zierliche, hellwache und strahlende Frau mittleren Alters – Ottolenghis Co-Autorin Helen Goh. So lernte ich sie kennen. Mit dem Co ist es vorbei – zumindest für dieses Backbuch. Wie viele Mitautorinnen Ottolenghis haben sich eine eigene Karriere aufgebaut, mit großer Reichweite. Ihr Werk, an dem sie ein Jahr gearbeitet hat, soll für sie stehen – für sie persönlich.

Backofen & Psychologie

Persönlich heißt: Sie verknüpft ihre Rezeptsammlung mit zwei Leidenschaften, das Backen und die Psychologie. Das führt zu Gohs Vita, die den Bogen erklärt. Geboren wurde sie in Malaysia, in eine chinesische Familie hinein. Mit Elf wanderte sie nach Australien aus. Ein kultureller Neuanfang, persönlich wie praktisch: Hier begegnete sie zum ersten Mal dem Konzept Backofen – einem Gerät, das in ihrer Familie nur Aufbewahrungszwecken diente. Denn: „… die chinesische Küche hat für süßes Gebäck nicht viel übrig.“ Sie entdeckten das Backen als Hilfsmittel, als Fluchtmöglichkeit vor dem Gefühl, deplatziert zu sein. Goh schreibt, dass sie darin voll und ganz aufging. So sehr, dass sie nach dem erfolgreich abgeschlossenen Psychologie-Studium ein Café in Melbourne eröffnete, bevor sie nach London zog. Dort traf sie auf Ottolenghi – und baute parallel eine Psychotherapiepraxis auf.

Vor diesem Hintergrund ist Gohs weitgesponnener Rahmen über den Sinn des Lebens nicht nur konsequent. Er fußt auf theoretischer Philosophie und Psychologie. Ich empfand dabei sogar eine gewisse Erleichterung: Endlich ordnet ein Mensch, eine Frau, das intuitive Gefühl ein, dass Backen Gutes bewirkt – jenseits der Floskeln. Stattdessen geht es um Authentizität und die Freiheit des Tuns.

Zum Weiterlesen:

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Tiefsinn & Register

An den tiefsinnigen Auftakt schließt Goh ihre Kapitelstruktur an. Die 100 Backrezepte ordneten soziale Momente unter: Es beginnt beim Geben, Nehmen & Teilen, führt über das Erinnern & Bewahren und endet beim Lernen, Wachsen & Erfolge feiern. Für die Leserin ist diese Regelung nicht selbsterklärend. Ein sorgfältiges Register fängt die Sucherei auf. Nach Seite 335 ist dann Schluss – ein randvoll gefülltes Kochbuch, kulinarisch und emotional.

Für mich beginnt es. Meine Liste der vorgemerkten Rezepte fürs Nachbacken wächst – allerdings zögerlich. Ich muss mich erst in die Rezepte hineinlesen und hineinschmecken, um das kreative Feuerwerk einzufangen, die Aromen springen mir nicht impulsiv auf den Gaumen. Denn Gohs handwerkliche Kompetenz zeigt sich erst in den Zubereitungsschritten. Und der aromatische Einfluss ist so weit über Länderküchen aufgespannt, wie ich es nur selten kenne – bei einer Vita wie ihrer aber naheliegend, für mich häufig neu zum Entdecken.

Backbuch von Helen Goh: Backen & der Sinn des Lebens
Backbuch von Helen Goh: Backen & der Sinn des Lebens

Anzac, Levante und Lao Gan Ma

Zunächst ihre angelsächsische Wahlheimat: ein Anzac-Kuchen, der den von mir geschätzten Keksklassiker in einen Kastenkuchen wandelt. Dann enthüllte sich die Levante, die Ottolenghi hierzulande so populär gemacht hat, in der Schoko-Tahini-Torte. Das Lao-Gan-Ma-Käsegebäck basiert auf dem Crispy Chili in Oil der chinesischen Marke Lao Gan Ma. Dazu rosig französische Madeleines, Kumquat-Amaretti und Vanillekipferl. Süß und herzhaft, fruchtig und schokoladig, krümelig und fluffig. Nur Sauerteig-Gebäck habe ich nicht gefunden.

Puttanesca & Apfelessig

Vermisst habe ich ihn nicht. Denn die nachgebackenen Rezeptperlen haben mich jubeln lassen. Etwa die hervorragende Galette alla Puttanesca, bei der Goh die Aromenkombination nicht einfach nur überträgt. Sie ist aromatisch und optisch so gut, dass es auch andersherum gewesen sein könnte: erst die Galette, dann der Pasta-Klassiker. Oder der Apfelkuchen. Ein Rezept zu gestalten, das bei den Kilometern hervorragender Apfelkuchenrezepte noch Eindruck macht, ist nicht leicht. Gohs Apfelkuchen mit Ingwerguss gelingt es. Das Geheimnis: Die Apfelstücke marinieren vorab in Apfelessig, Zimt und etwas Zucker. So köstlich.

Helen Goh:

„Nun also, nach fast dreißig Jahren, in denen ich Psychologie erst studiert und dann praktiziert habe, nachdem ich Bücher und Artikel über herzhaftes und süßes Gebäck geschrieben habe, werde ich Ihnen als Psychologin erklären, wie Backen Sinn stiftet , und ihnen dabei als Bäckerin meine köstlichen Rezepte präsentieren.“

„Backen & der Sinn des Lebens – 100 Rezepte, die Freuden bereiten“ ist eines der wichtigsten Backbücher dieser Zeit. Helen Goh hat dafür zu Recht den James Beard Award erhalten, einen unabhängigen Preis mit Renommee. Ihre Rezeptsammlung hebt Backrezepte für zuhause auf ein neues Niveau. Dabei erzählt Goh ermunternd, wie sinnstiftend diese Leidenschaft sein kann – und verankert das in wissenschaftlicher Theorie der Philosophie und Psychologie. Das Backbuch ist ideal für Leser:innen, die Neues probieren möchten, Kreativität suchen und aromatisch international geprägt sind. Und für alle, die einer klugen, optimistischen und reflektierten Autorin zuhause begegnen möchten.

Veröffentlicht im September 2026

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