
Drei Sterne: Hat Stärken, überzeugt aber nicht ganz.
Gut, auch abwechslungsreich und lecker essen, ohne dafür stundenlang in der Küche zu stehen? Davon träume ich alltagsabends – um mir am Ende doch ’ne Stulle zu schmieren, denn: geht schnell, macht satt und schmeckt garantiert. Diese drei Attribute reklamierten allerdings auch Simon Traver für seine Rezepte. In „Heute keine Zeit? Koch das!“ verspricht er 60 Mal Stullen-Konkurrenz – und ich bin gespannt.
Über 400.000 Menschen folgen Travers Account „heute.keine.zeit“ auf Instagram, wo der freundlich dreinschauende „Hobbykoch, Food-Liebhaber und Vollzeit-Genussmensch“ fast täglich Alltagsküche in die Kamera hält. Und zwar ziemlich pur: Es gibt sparsame Worte zum Einstieg, zwei, drei Einstellungen zu Zubereitung und Ergebnis, ein knappes Fazit („Leute, das ist so köstlich!“), und so weiter.
Ohne Schnickschnack
Und etwa genau so darf man sich die Sache auch in seinem Kochbuch vorstellen: Hier passen Rezept und Foto entspannt auf eine Doppelseite und verlangen nach einem knappen Claim („bunt, knackig und cremig – ein echtes Powergericht“), kaum mehr als zehn verschiedene Zutaten und maximal 45 Minuten Zeit. Das ähnlich kondensierte Vorwort verrät noch, dass die Rezepte ohne Fleisch auskommen, nicht apodiktisch befolgt werden müssen und außerdem den Anspruch haben, „gesund“ zu sein. Traver schreibt dazu: „Für mich bedeutet mich nicht nur gesund, was auf dem Papier wenig Kalorien oder viel Protein hat. Gesund ist auch das, was dich zufrieden macht, dich wärmt, dich runterbringt“. In Ordnung.
Um besser zu verstehen, wie das Ganze funktioniert, braucht es auch einen Blick in die Rezepte: Die sind nach Zubereitungszeit sortiert – nach Essen in 15, 20 und 30 Minuten gibt es überdies Ideen fürs Meal Prep und eine knappe Handvoll Gerichte für den „Lazy Sunday“. Inpunkt(w)o hat dafür ein einfaches, aber dennoch kreatives Layout gewählt, das damit gut zu den Food-Fotos passt, die ebenfalls eher zurückhaltend, aber nicht fad arrangiert sind.
Viele alte Bekannte – und ein, zwei Überraschungen
Travers Lieblingszutaten sind beim Blättern schnell identifiziert und überraschen in einem Schnellkochbuch nicht: Es gibt immer wieder Kurzgar-Gemüse wie Zucchini, Tomaten und Spinat, feste Beilagen wie Orzo und Couscous, flexible Proteinkomponenten wie Feta, Halloumi und Mozzarella und Geschmacksgaranten wie Gochujang, Miso und Sojasauce.
Ich muss gestehen, dass mich dieser Kanon in seiner Omnipräsenz leicht ermüdet hat – denn manche Umsetzungen ähneln sich doch: Beim „Sommerlichen Orzosalat mit Rucola und Mozzarella“, dem „Sommerlichen Orzosalat mit Halloumi, Zucchini und Rucola“ oder auch dem „Nudelsalat mit Rucola, Parmesan und Pinienkernen“ muss man schon zweimal hinschauen, um festzustellen, was sie im Detail unterscheidet. Allerdings finden sich zwischen weiteren Klassikern der Alltagsküche wie Currys, Dals und Nudelgerichten auch ein paar etwas weniger erwartbare Ideen – beispielsweise Burrata und Pesto, die in einer zuvor ausgehöhlten Tomate gefüllt werden, was durchaus hübsch aussieht, eine „Kalte Sommerlasagne mit Pesto, Rucola und gebratenen Tomaten“ oder ein „Herzhaftes Gemüsenest mit Ahornsirup, Avocadocreme und Ei“.
Zwischen Erstaunen und Ernüchterung
Tatsächlich hat mich so eine Kuriosität am Ende auch in der Praxis am meisten überzeugt: Auf den Gedanken, mit Gochujang aromatisierte Tofubällchen gemeinsam mit Karotten auf körnigen Frischkäse zu Schichten, wäre ich im Leben nicht selbst gekommen. Auf eine faszinierende Art funktioniert diese Zusammenstellung jedoch. Etwas, was ich vom ähnlich kreativen „Cremigen Orzo-Risotto mit Spinat und Cashews“ nicht behaupten kann: Die Sauce tendierte ins Wässrige und generell wollte sich kein geschmackliches Ganzes der vielfältigsten Zutaten (ua getrocknete Tomaten, Erbsen, Parmesan, Zitrone) einstellen.
Simon Traver:
„Für mich bedeutet gesund nicht nur, was auf dem Papier wenig Kalorien oder viel Protein hat. Gesund ist auch das, was dich zufrieden macht, dich wärmt, dich runterbringt.“
Alle übrigen Testkandidaten rangierten irgendwo zwischen diesen beiden Polen, hatten dabei allerdings eine Gemeinsamkeit: Die Portionsgrößen sind bei Traver nicht eben üppig (z. B. maximal 75-100 g Pasta pro Person) und ich habe mich bei mancher Rezeptur gefragt, ob sie wirklich als Hauptmahlzeit gedacht ist. Außerdem lassen die arg knappen Beschreibungen manchmal Fragen offen – etwa zu Zutaten- oder Zubereitungsdetails, sodass es mitunter Küchenerfahrung bedarf, um das Ganze gut ins Ziel zu bringen. Pluspunkt allerdings: Die angegebenen Zeiten habe ich eher unter- als überschritten.
Was auch tun, wenn in Zukunft der Magen knurrt, aber die Muße für „richtiges“ Kochen fehlt? Ich hatte auf neue, spannende und überzeugende Ideen für genau diese Situationen gehofft – Ideen, die über „Nudeln mit Sauce“ oder ein schnelles Curry hinausgehen. Für mich geht die Rechnung in „Heute keine Zeit? Koch das!“ Leider nicht auf, weil sich Autodidakt Traver in meinen Augen zu sehr auf solche Säulen der einfachen Küche und ein übersichtliches Zutatenrepertoire verlässt. Wenn genau das für Sie tatsächlich Argumente sind, dann „Koch(en Sie) das!“
Veröffentlicht im September 2026

